Der Innovationsgrad der Softwareindustrie ist hoch. Regelmäßig entstehen neue Technologien und Methoden, die meist auf bestehendem aufbauen, mit dem Ziel die Herstellung von Software zu erleichtern und zu beschleunigen. Neue Methoden bringen oft neue Rollen hervor, die an die aktuelle Technologie- und Methodenlandschaft angepasst sind. Im Zuge agentischer Softwareentwicklung begegnen wir zunehmend der Rolle des Forward Deployed Engineer.
Dieser Blogpost betrachtet diese Rolle aus verschiedenen Perspektiven und bettet sie ein in bestehende Strukturen. Dazu müssen wir etwas ausholen:
Rollen und Zusammenarbeit
Zu den klassischen Rollen, die wohl jeder kennt, gehören Analyst, Projektleiter, Architekt, Entwickler oder Tester. Diese Rollen sind eher zeitloser Natur und stammen aus einer Zeit in der Softwareentwicklung als primär industrieller Prozess verstanden wurde. Sie sind bis heute gebräuchlich.
Die agile Bewegung hat seit Beginn der 2000er Jahre moderne, angepasste Rollen wie Product Owner, Scrum Master, Release Train Engineer (SAFe), Flow Master (Kanban) oder Full Stack Developer und Data Scientist im Bereich der Technik und des maschinellen Lernens hervorgebracht, um nur einige hervorzuheben. Sie sind abgestimmt auf Arbeiten in komplexen Zusammenhängen, wie wir sie in Softwareentwicklungsprojekten in der Regel vorfinden.
Im Kontext agentischer Softwareentwicklung erhält die Rolle des Forward Deployed Engineers und zunehmend an Aufmerksamkeit. Aber wozu definieren wir eigentlich Rollen?
Grundsätzlich dienen Rollen dem Zweck Aufgaben und Verantwortlichkeiten zu benennen, damit jeder, zum Beispiel im Rahmen eines Projektes, genau weiß was zu tun ist. Zudem erleichtern diese Schablonen die Beschreibung von Aufgabenfeldern im Rahmen der Personalgewinnung.
So hilfreich diese Schablonen sein können, um Klarheit in die Personalstruktur und Erwartungshaltungen zu bringen, so hinderlich können sie sein, wenn es darum geht Projektziele zu erreichen. Wer schon einmal den Satz “Das ist nicht meine Aufgabe” gehört hat, weiß, was damit gemeint ist.
Im Sinne einer gemeinschaftlichen und kooperativen Zusammenarbeit geht es weniger darum Rollen zu erfüllen, sondern anstehende Aufgaben mit den vorhandenen Fähigkeiten zu erledigen. Dabei spielt es eine untergeordnete Rolle, ob beispielsweise Softwaretests von Analysten, Architekten oder Entwicklern durchgeführt werden oder User Stories vom Product Owner oder Tester geschrieben werden. Es geht um das zu erreichende Ziel, nicht um die Erfüllung von Rollen. Teams mit hoher Kompetenzüberlappung sind dadurch flexibler, resilienter und schneller, weil es weniger Wartezustände an den Rollenübergängen gibt.
Die Idee des crossfunktionalen Arbeitens und Anwendernähe zieht sich wie ein roter Faden durch den Werkzeugkasten moderner Methoden. Wir finden es gleichermaßen in agilen Frameworks, DevOps oder auch Design Thinking. Konsequent gedacht arbeiten die Personen der Softwareentwicklung direkt mit Anwendern zusammen. Sie sehen und erfahren aus erster Hand, wie die Anwender arbeiten und beziehen sie stark mit ein. Ein Ansatz den wir beispielsweise in den Service Safaris des Design Thinking finden. Lösungsansätze werden direkt mit den Anwendern entwickelt und bewertet. Begriffe dafür kennen wir schon. Beispielsweise Embedded-IT, Customer Engineer, On-site-Engineer oder Field Engineer gehören dazu. In der Praxis sehen wir das eher selten. Vermutlich liegt es daran, das sie nicht gut in bestehende Aufbauorganisationen passen. Eine Faktor, der auch bei Forward Deployed Engineers eine Rolle spielt.
Was ist nun ein Forward Deployed Engineer?
Ein Forward Deployed Engineer (FDE) oder auch Forward Deployed Software Engineer ist ein Software Engineer mit maximaler Anwendernähe. Der Name der Rolle ist entstanden im Umfeld der großen AI Anbieter, die einen Weg suchten Softwarelösungen auf schnelle Art mit Hilfe von AI zu entwickeln. Entlehnt dem Militärjagon bedeutet es soviel wie Einsatz an der Front, was mir nicht sehr passend erscheint, da FDEs in Organisationen eher im Freundesland agieren. FDEs entwickeln Software innerhalb einer Organisation mit großer Nähe zu den Fachbereichen und ausgeprägter Hands-On Ausrichtung. Die Rolle kombiniert viele Fähigkeiten mit dem Ziel passgenaue Software in kürzester Zeit zu erstellen.
Zu den zentralen Fähigkeiten gehören:
🔹Anforderungsanalyse
🔹Konzeption und Softwareentwicklung
🔹Software Engineering
🔹AI Harness Engineering
🔹Soziale und kommunikative Fähigkeiten
🔹Empathie, Neugier, Flexibilität, Lernbereitschaft
🔹Präsentation und Moderation
Wie wir sehen ist die Rolle ist sehr breit angelegt und umfasst viele Fähigkeiten. In der Regel wird sie von Personen ausgefüllt die über ein PI-Profil charakterisiert sind. Also Generalisten mit partiellen Spezialisierungen und der Fähigkeit sich in kurzer Zeit in neue Themen, seien sie fachlich oder technisch, einzuarbeiten. Wie bei einem Schweizer Messer vereinen sich viele Funktionen in einem Werkzeug. Eine Rolle, die nur von sehr erfahrenen Engineers ausgefüllt werden kann.
Obwohl die Erfinder dieser Rolle sicher AI als treibende Kraft im Sinn hatten, ist der Einsatz agentischer Techniken eigentlich nicht zwingend. Jedoch beschleunigt der Einsatz von AI in dieser Rolle die Erstellung von Artefakten und hilft dabei schnell zu Lösungen zu kommen. Insbesondere bei Aufgaben, die nicht unmittelbar final produktionsfähige Software betreffen, wie beispielsweise Fachliche- und Codeanalyse, Prototyping, Visualisierung oder Sparring, ist AI ein Werkzeug, um die Entwicklung digitaler Produkte stark zu beschleunigen und die Passung zu erhöhen.
Diese Aufgaben charakterisieren die Tätigkeit eines FDE:
🔹Analyse und Dokumentation fachlicher Anforderungen
🔹Analyse bestehender Codebasen
🔹Context und Harness Engineering
🔹Erstellung technischer Lösungskonzeptionen
🔹Erstellung von Prototypen und Machbarkeitsstudien
🔹Entwicklung produktionsreifer Lösungen
🔹Anwendung agiler und agentischer Entwicklungsmethoden
🔹Beratung zu technischen und methodischen Fragestellungen
🔹Präsentation von Ergebnissen auf allen Ebenen der Organisation
Der wesentliche Faktor ist dabei die Nähe zu den Anwendern, hohe Transparenz, sowie schnelle Rückkopplungsschleifen. Prinzipien, die wir aus dem agilen Werkzeugkasten als Inspect & Adapt kennen und die sich vielfach bewährt haben.
Herausforderungen
Forward Deployed Engineers erfordern hohen Gestaltungsspielraum, Experimentierfreude und schnelle Entscheidungen. In Organisationsstruktur und Kulturen, in denen das nicht gegeben ist, können FDEs ausgebremst werden und keine starke Wirkung entfalten. Eine Build-To-Learn-Kultur ist für viele noch immer ungewohnt. Es ist zu klären, wie weit die Bereitschaft dazu reicht.
Insbesondere bei intensivem Einsatz von AI besteht das Risiko von Wissenserosion und kognitiver Schulden. Es ist darauf zu achten, das insbesondere geschäftskritische Artefakte von den Mitarbeitenden verstanden und ohne den Einsatz von AI gepflegt und weiterentwickelt werden können. Dies kann durch Context Engineering erreicht werden, welches das Ziel verfolgt Wissen und Wahrheit für Menschen und Maschinen gleichermaßen zu strukturieren und zugänglich zu machen.
Die Qualität der entstehenden Software ist von Menschen sicherzustellen, damit sie die Möglichkeit haben Verantwortung für die Software zu übernehmen und in kritischen Situationen zu agieren. Statt möglichst schnell möglichst viel Code zu erzeugen ist darauf zu achten, das die Menschen des soziotechnischen Systems Verantwortung übernehmen können. Das Prinzip des Sustainable Pace, also nachhaltiger Liefergeschwindigkeit gilt auch hier.
Da die Entwicklung zusammen mit den Anwendern der Fachbereiche beziehungsweise Domänen erfolgt, liegt der Fokus zunächst auf lokalen Lösungen. Es ist zu beachten, in wie weit sich diese in die bestende Produkt- und Systemlandschaften einfügen und wie sich statt Insellösungen integrative Ansätze erreichen lassen.
Einschätzungen
Insgesamt erscheint der Forward Deployed Engineer eine sinnvolle Rolle, um dem Ziel guter Software in kurzer Zeit näher zu kommen. AI kann bei vielen Aufgaben sinnvoll unterstützen. Im Kern steht die enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit der Menschen im System der Softwareentwicklung. Dieser wichtige Aspekt ist im agilen Kontext seit langem bekannt und nachgewiesenermaßen ein entscheidender Erfolgsfaktor. Das passt also. FDEs sind Senior Engineers die eingebettet bei und mit den Kunden arbeiten. Gewissermaßen sind Forward Deployed Engineers wie ein Schweizer Messer, da sie viele Fähigkeiten in sich vereinen. Diese Rolle ist anspruchsvoll. Sie auszufüllen erfordert viel Erfahrung und Seniorität. Ein Faktor, der die Besetzung sicher nicht erleichtert.
Vielleicht ergeben sich durch Forward Deployed Engineers und dem Schwung des Themas neue Möglichkeiten die Kultur der Softwareentwicklung weiter zu verbessern und das immerwährende Ziel zu erreichen: Nutzenbringende Software herzustellen. In hoher Qualität und kurzer Zeit.
Was kann PLEUS Consulting tun?
Seit über 30 Jahren unterstützen wir Unternehmen in allen Phasen des Software Delivery Lifecycles. Wir wissen aus Erfahrung das intensive, vertrauensvolle Zusammenarbeit der Schlüssel ist. Wir durften es vielfach erleben und gestalten. Oft haben wir direkt mit den Anwendern der Fachbereiche gearbeitet und gemeinsame Erfolgsgeschichten geschrieben. Durch die Unterstützung von Startups und DAX-Konzernen in verschiedenen Branchen sind wir mit den kulturellen Unterschieden in den Unternehmen bestens vertraut und stellen uns auf deren Besonderheiten ein.
Durch unsere langjährige Erfahrung und systemisch-agile Haltung sind wir der ideale Partner wenn es darum geht anspruchsvolle Software im geschäftskritischen Umfeld zu entwickeln.
Der Autor setzt AI situativ ein wo es Sinn macht. Dieser Text ist vollständig ohne Einsatz von AI entstanden. Warum? Schreiben ist Denken! Denken macht Spaß! Innovation entsteht nicht durch Replikation! Kreatives und systemisches Denken vergrößert den Lösungsraum!

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